Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz beim Trauerstaatsakt zu Ehren von Rita Süssmuth

[Es gilt das gesprochene Wort] Herr Bundespräsident, Frau Bundestagspräsidentin, Frau Präsidentin des Bundesrates, Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Exzellenzen, Liebe Dr. Claudia Süssmuth-Dyckerhoff, Liebe Angehörige der Trauerfamilie, Liebe Kolleginnen und Kollegen, Meine sehr geehrten Damen und Herren, 1956 – das Ende des Zweiten Weltkrieges ist knapp zehn Jahre her – bricht eine junge Frau aus ihrer Kleinstadt an der Ems in die Weltstadt an der Seine auf: Rita Süssmuth beginnt ihr Studium in Paris. Es ist der Beginn einer akademischen Karriere, die mit der Professur enden wird. Es ist auch der Beginn eines Lebens, das, wissenschaftlich und politisch, in Theorie und Praxis, in Worten und Taten unermüdlich um diese Frage kreist: Wie können Menschen miteinander ein menschenwürdiges Leben führen? Wie richten wir den Staat so ein, dass er der Menschenwürde dient? Ich möchte mir vorstellen, dass die 19-jährige Rita Süssmuth auf der Reise nach Paris im Kopf schon diese Hölderlin-Worte hat, diesen Hölderlin-Ruf eigentlich, den sie später im Leben manchmal zitierte: „Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, / Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern’, / Und verstehe die Freiheit, / Aufzubrechen, wohin er will.“ Alles zu prüfen, kritisch zu prüfen – Wissensbehauptungen, Autoritätsbehauptungen, eindimensionale Weltbilder, eindimensionale Menschenbilder, eindimensionale Frauenbilder auch: Das war Rita Süssmuths Losung. Und ihr kritisches Prüfen führte sie immer wieder zu dem Ergebnis von der Freiheitsbegabung des Menschen. Und immer wieder zu der Feststellung: In der Welt, in Europa, in Deutschland, in ihrer und meiner Partei, in den Schulen und Bildungseinrichtungen, am Arbeitsmarkt sind die Dinge noch nicht so eingerichtet, dass sie der Freiheit aller Menschen dienen. Dass sie Selbstentfaltung unabhängig von Geschlecht, sozialer Herkunft, sexueller Orientierung möglich machen. Dass der Mensch „verstehe die Freiheit, / Aufzubrechen, wohin er will“, wie Hölderlin schreibt. Rita Süssmuth ist in die Politik aufgebrochen. Und sie ist eine Ausnahmepolitikerin geworden. Sie hat das Gesicht der Bundesrepublik geprägt: als erste Bundesfrauenministerin, als Bildungspolitikerin, als Gesundheitspolitikerin, als Bundestagspräsidentin, als Abgeordnete der CDU. Sie war fachlich exzellent. Und zwar breit fachlich exzellent. Sie war in allen ihren Ämtern und Funktionen beharrlich, streitbar. Unbequem bisweilen für ihre, meine Partei. In vielen Fragen – vielleicht in den meisten – hat die Geschichte ihr Recht gegeben. Sie war ihrer Zeit in mancher Hinsicht voraus. In ihrem Beharren auf eine moderne Familienpolitik. Auf eine Arbeitsmarktpolitik, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärkt. In ihrer wegweisenden Aids-Politik. Sie war mit Leib und Seele Christdemokratin. Und damit meine ich: Ihr Ethos des Politikmachens war im vollsten Sinne des Wortes christdemokratisch: Für sie stand die Würde des Menschen und die Verletzlichkeit des Menschen im Zentrum, aber genauso des Menschen Begabung zur Selbstentfaltung und zum gemeinsamen Guten. Sie war unerschütterlich optimistisch. Keine Romantikerin. Aber eine Idealistin in dem Sinne, in dem wir alle als Demokratinnen und Demokraten verpflichtet sind, Idealistinnen und Idealisten zu sein: In dem Sinne, dass sie unbedingt vertraut hat auf die Urteilskraft des Menschen: seine, unsere Fähigkeit, gemeinsam die Welt zu gestalten, und zwar auch unter den Bedingungen neuer Komplexität. Auch unter der Bedingung von Krise. Sie hat unbedingt vertraut auf die menschliche „Fähigkeit zur Solidarität“; sie hat sie eingefordert. Sie hat unbedingt vertraut auf die „Erkenntnissehnsucht“, die Neugier, Lernfähigkeit und Veränderungslust des Menschen. Darum war sie Reformantreiberin: Demokratische Politik, das sollte eine Politik sein, die die „offensive, zum Umbruch bereite, die unbekümmerte, den eigenen Fähigkeiten vertrauende Seite“ des Menschen anspricht, stärkt, in Fortschritt verwandeln will. Das sind ihre Worte.